Vom Zurückgeben

Wer sich noch an meinen alten Beitrag „Meine Geschichte“ erinnert, weiß bereits, dass ich vor einigen Jahren in einer Einrichtung des SOS Kinderdorf in Weilheim gewohnt habe, um meine durch Mobbingerfahrungen mit einem Lehrer ausgelöste Angst vor dem Schulbesuch zu überwinden.

Zwei Jahre war ich in dieser Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Es war viel Unterstützung durch die Pädagogen, einen Psychologen und auch die anderen Jugendlichen notwendig, um mich wieder zu einem „geregelten“ Tagesablauf zu bekommen. Es gab Rückschläge, es gab Erfolge. Schöne Momente und weniger schöne Momente. Aber am Ende war ich wieder Schüler, habe die Mittlere Reife gemacht und danach eine Ausbildung zum Fachinformatiker in München absolviert.

Seit meiner Zeit in Weilheim sind jetzt bald 10 Jahre vergangen. In diesem Zeitraum hat sich viel getan. Nach meiner Ausbildung bin ich freiwillig zurück auf die Schulbank gegangen, um das Fachabitur zu bekommen und – als ich das in der Tasche hatte – ein Studium zu beginnen. Heute bin ich politisch aktiv, arbeite als freiberuflicher Software-Entwickler und nähere mich mit großen Schritten dem Master-Abschluss in meinem Studium.

Nichts davon wäre wohl passiert ohne die Hilfe, die ich damals bekommen habe. Ich hätte keinen höheren Schulabschluss, wäre kein Student, hätte keine Ausbildung – denn auch da muss man ja in die Berufsschule – und daher auch mit ziemlicher Sicherheit keinen Job, der mir so viel Spaß macht wie es heute der Fall ist.

Eine Sache hat aber gefehlt. Ein Bedürfnis ist bisher ungestillt geblieben. Das Bedürfnis, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Denn neben den Betreuern in solchen Einrichtungen ist es natürlich die Gesellschaft, die diese Einrichtungen unterstützt. Ob durch Steuern, durch Spenden, durch ehrenamtliche Hilfe vor Ort oder auch einfach nur die Akzeptanz der Menschen in der Umgebung. Das ist alles notwendig, um solche Hilfe überhaupt erst zu ermöglichen.

Mit diesem Gefühl bin ich nicht der Einzige. Vielen Ehemaligen aus Weilheim und anderen Einrichtungen geht es ähnlich. Die Lebensgeschichten sind so verschieden wie zahlreich, aber allen ist gemeinsam, dass sie durch die Kinder- und Jugendhilfe einen weit besseren Ausgang gefunden haben, als es andernfalls passiert wäre.

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Lebensarchitektur e.V. – Hilfen für Kinder Jugendliche und Erwachsene

Darum habe ich mich mit einer Gruppe von Ehemaligen zusammengefunden, die ebenfalls ihren Teil zurückgeben wollen. Um das zu bewerkstelligen, haben wir einen eigenen freien Kinder- und Jugendhilfeträger namens Lebensarchitektur e.V. gegründet, in dessen Kuratorium (also die „Leitung“ des Trägers) ich Mitglied bin. Alleinstellungsmerkmal – und ein großer Grund für die Gründung – ist es, dass das Kuratorium immer zur Mehrheit aus Ehemaligen bestehen muss, aus Menschen, die selbst irgendwann einmal in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gewohnt haben. Wir sind überzeugt, dass Ehemalige immer einen anderen Blick auf diese Arbeit behalten werden. Viele Dinge – egal ob positiv oder negativ – fallen den Bewohnern auf, aber nicht den Betreuern oder den Leitungen der diversen Träger.

Ich möchte einmal ein Beispiel bringen:
Die Jugendhilfe nennt sich in Fällen wie meinem „stationäre Hilfe“, also die dauerhafte Unterbringung in einer Einrichtung, im Gegensatz zu „ambulanter Hilfe“, also z.B. wöchentliche Besuche durch einen Pädagogen. „Stationär“ und „ambulant“ sind Bezeichnungen, bei denen man sich an Krankenhäuser erinnert fühlt und die Kinder und Jugendliche, die hier Hilfe suchen – allein durch eine simple Bezeichnung – auch als „krank“ abstempelt. Das sind sie aber nicht. Es sind Kinder, die aus den verschiedensten Gründen in ihrem Elternhaus nicht die Unterstützung, Liebe, Erziehung, Fürsorge oder Geborgenheit bekommen können, die einem jeden Kind ohne Wenn und Aber zustehen. Nicht-Betroffenen ist das aber oft kaum verständlich – zumindest, wenn man nicht darauf hingewiesen wird.

Ich hoffe, durch den Aufbau des Trägers hier den Kindern und Jugendlichen in unseren Einrichtungen helfen zu können. Ich hoffe, dass wir durch unsere eigene Geschichte offener für solche kleinen Dinge sein können und damit auch andere Blickwinkel eröffnen. Ich hoffe, auf diese Art „Danke, Gesellschaft“ sagen zu können und vielleicht sogar die Kinder- und Jugendhilfe allgemein noch ein kleines bisschen besser machen zu können.

Aktuell arbeiten wir an der Eröffnung unserer ersten Einrichtung in NRW. Ein Gebäude ist bereits gefunden und die ganzen notwendigen organisatorischen Aufgaben – Verhandlungen mit Jugendamt, Finanzamt, Aufbau der Website, Vorbereitung von Flyern, und und und – sind auch auf einem guten Weg. Am 21.3. treffen wir uns zur Ausarbeitung des Leitbildes, das für den Betrieb solcher Einrichtungen notwendig ist. Es geht also gut voran.

Ich wäre schon ein sehr komisches Piratenmitglied, wenn ich nicht auch noch darauf hinwiese, dass wir natürlich auch in sozialen Medien vertreten sind: @L_Architektur auf Twitter und unter https://www.facebook.com/Lebensarchitektur.eV auf Facebook.

Und ich wäre natürlich ein denkbar schlechtes Kuratoriumsmitglied eines sozialen Trägers, wenn ich euch, liebe Leser, nicht ganz dezent auf die Möglichkeit hinwiese, für Lebensarchitektur zu spenden. Das könnt ihr natürlich machen, auf unserer Homepage unter „Sie können helfen“.

Ansonsten bleibt mir nur noch, diesen Beitrag zu schließen mit einem herzlichen:

Danke dir, Gesellschaft!

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