Abendland? Da geht die Sonne unter

Pegida. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Mit diesem Slogan demonstrieren zur Zeit wöchentlich Menschen in Dresden, zuletzt bis zu 15000. Dresden, die Hauptstadt von Sachsen, in der laut den Zahlen von 2010 gerade einmal 0,1% der Bewohner Muslime sind. Ableger von Pegida gibt es inzwischen auch in Bonn, Frankfurt und einigen anderen Städten.

Nachdem den Medien von den Demonstranten regelmäßig vorgewurfen wurde, Interviews zu kürzen und damit Fakten falsch darzustellen, hat sich der NDR dazu entschlossen die Interviews in voller Länge online zu stellen. Herausgekommen sind ca. 45 Minuten, in denen Demonstrationsteilnehmer zu ihren Beweggründen befragt werden. Diese 45 ungeschnittenen Minuten entlarven ein erschreckendes Unwissen über den tatsächlichen Anteil von Muslimen in Sachsen und gewähren einen Einblick zur Einstellung zu verschiedenen Slogans des Demonstrationszugs.

Der wohl am häufigsten zu hörende Satzanfang ist „Ich bin kein Nazi, aber…“ mit all seinen Variationen. Ich bin kein Fan von Verallgemeinerungen, daher will ich nicht behaupten, dass nach einem solchen Satzanfang WIRKLICH immer rechte Parolen folgen. Es mag Ausnahmen geben. Wenn es aber in einer solchen Masse vorkommt, gibt das zu denken.Was zieht Menschen, die von sich behaupten nicht rechtsradikal zu sein auf Demonstrationen, bei denen derart viele ausländerfeindliche Sätze abgegeben werden?

Natürlich, die gezeigten Personen – sowohl im Interview als auch im Hintergrund – entsprechen meist nicht dem „erwarteten Bild“ eines prügelnden, saufenden Neonazis mit Bomberjacke über dem Thor Steinar Shirt und einem IQ knapp über Zimmertemperatur. Aber das ist genau das Gefährliche. Die Demonstranten kommen zum Grossteil aus der Mitte der Gesellschaft, wie sie es auch gern selbst immer wieder sagen. Man wird dort wohl alles vorfinden: vom oben skizzierten Klischee-Nazi zu älteren Damen und Herren, von Schülern in Jeans und T-Shirt zu Anwälten im Anzug.

Nicht alle dort werden die alten Parolen vom „Herrenmenschen“ verbreiten oder auch nur gut finden. Nicht alle dort werden „alle Ausländer“ schlecht finden, denn ein oder zwei „die ganz in Ordnung sind“ kennt dann doch jeder. Nur „die anderen“, die, die man nicht kennt, das sind die „schlimmen Ausländer“. das sind die, die „weg“ sollen. Was diese Leute eint, ist eine irrationale Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten.

Titelbilder verschiedener Medien zum Thema Islam

Titelbilder verschiedener Medien zum Thema Islam. Quelle: @macava

Schuld daran ist vieles: Seien es Politiker, die die „Angst vor dem (natürlich ausländischen) Terror“ predigen, wenn sie wieder ein unpopuläres Gesetz durchbringen wollen. Seien es unsere großen Medienhäuser, wenn sie wieder mit Titelbildern vor „dem Islam“ warnen weil sie wissen, dass dies die Auflage erhöht.

Zur Klarstellung: Sicher ist nicht ein jeder der 15000 Demonstranten ein Rechtspopulist oder gar ein gestandener Neonazi. Aber: Jeder, der dort mitläuft, muss sich von mir den Vorwurf gefallen lassen, dass er mitwirkt genau solches Gedankengut wieder hoffähig zu machen.

Es ist unser aller Aufgabe, solchen Kräften entgegenzutreten. Ob auf politischem Wege, ob durch die Teilnahme an Gegendemonstrationen oder auch nur das einfache Widersprechen und Aufklären, wenn derartige Parolen im Bekanntenkreis verbreitet werden. Spendet für Flüchtlingsunterkünfte. Fragt dort nach, ob ihr vor Ort helfen könnt. Es gibt viele Methoden. Steht auf und kämpft für ein tolerantes und offenes Deutschland, Europa, für eine lebenswerte Welt. Für ein Land, das nicht nur für die Angehörigen einer alteingesessenen Volksgruppe eine Heimat sein kann.

Ich möchte mit der Überschrift auch schließen, dem einzigen wirklich sinnvollen Satz aus dem vorher genannten Video (ab ca. 40:00), auf die Frage nach der Bedeutung des Slogans:

Abendland? Da geht die Sonne unter.

Denn das tut sie. Lasst uns dafür kämpfen, dass sie schnell wieder aufgeht.

Vielen Dank an @dd0ul für das Lektorat.

Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.