Meine Geschichte

Einleitung

Kennt ihr diese Momente? Diese Momente, in denen man schwankt zwischen explodieren und aufgeben? Diese Momente, in denen man sich fragt, warum man sich das alles überhaupt weiter antut?

 

Nein? Dann seid froh darüber. Ich beneide euch. Denn ich kenne diese Momente. Vor einigen Jahren hatte ich diese regelmäßig. Inzwischen nur noch selten. Aber dann umso stärker.

 

Heute war es mal wieder soweit. Am Abend eines unspektakulären Tages. Ein bisschen lernen, ein bsischen Piraten, ein bisschen TV. Essen. Twittern. Dann kam der Abend, und dann kam das Telefonat.

 

Ich muss etwas weiter ausholen, damit ihr versteht, wovon ich rede. Die Geschichte – meine Geschichte – habe ich in dem Ausmaß erst wenigen Leuten erzählt. Manche kennen einen kleinen Teil davon, sogar im Radio habe ich davon einmal erzählt. Aber immer nur wenig. Ja nicht zu viel rauslassen. Stark bleiben. Ein Mann ist stark, oder? So wurde es mir zumindest eingepflanzt, von Familie, Schule, Freunden, dem Fernsehen.

 

Es gibt wenige Leute, die viel über meine Vergangenheit und meine Gefühle wissen. Genau genommen gibt es genau eine Person, der ich weit genug vertraue, um ihr alles zu erzählen. Ob es mir gut geht oder schlecht. Eine Person. Verdammt wenig. Aber es hat bisher gereicht.

 

Warum ich jetzt gleich meine Geschichte mit dem Internet, der Welt, euch, teilen werde, weiß ich auch nicht. Es befreit mich irgendwie. Vielleicht lösche ich diesen Post aber auch, wenn ich fertig bin. Wenn ihr das lest, hab ich das nicht getan. Wenn ihr das nicht lest, dann wisst ihr weiter nichts davon. So einfach. Euer Leben geht weiter, und auch meines geht weiter.

 

Meine Geschichte

Aber bevor ich euch weiter langweile, fang ich jetzt mal an:

 

Ich war nie ein „starker“ Mann. Ich hatte Freunde, aber ich hatte nie viele Freunde. Das war mir auch nicht wichtig. Gute Freunde muss man haben, nicht viele. Ein kleiner Freundeskreis, dafür ein guter. Das hatte ich. Dafür kann ich dankbar sein. Und das bin ich auch.

 

So ist es bis heute geblieben. Die Personen haben zwar gewechselt, aber mein Freundeskreis ist weiterhin klein – aber fein.

 

Einen Nachteil hat das aber. Auch die Schule war entsprechend anders, wenn man nur in einer kleinen Gruppe „rumhängt“, meistens mit Leuten, denen es ähnlich ging wie mir. Man zählt nicht zu den „beliebten“ Schülern. Eine Sache, die Lehrer den Eltern gerne mitteilen. Man macht sich Sorgen, da der „soziale Stand“ innerhalb der Klasse nicht so gut ist. Was solls. Wer gibt schon was auf Lehrer, oder? :)

 

Ich kam damit klar, in der Grundschule und auch die ersten Jahre im Gymnasium. In der achten Klasse dann durchgefallen, Latein ist auch eine echt nervige Sprache :) Am meisten gestört hat mich daran, dass ich in eine neue Klasse kam. Schon in der alten Klasse wenige Freunde, waren es in der neuen garkeine. Aber auch da fand ich mich hinein. Wieder ein kleines Grüppchen. Gute Freunde. Dachte ich.

 

Dann kam der Sportunterricht in der zehnten Klasse. Bisher hab ich mich da so durchgewuselt, sportlich und sportbegeistert war ich ja auch nie besonders. Aber die 2 Stunden pro Woche kriegt man auch rum. So war es zumindest bis dahin.

 

Ein Sportlehrer. Herr H. Hatte vorher wohl auch mal beim FC Bayern irgendeine Leichtathletik-Truppe unterrichtet. Irgendsowas. Es ist zu lange her, genau weiß ich es nichtmehr. Auf jeden Fall sportlich qualifiziert, darüber kann man wohl nicht meckern. Pädagogisch sah es da anders aus.

 

Personen, die sportlich waren, privat viel Sport machten, hatten einen tollen Unterricht bei ihm. Bei anderen sah es da weniger gut aus. Er forderte viel. Das wäre auch in Ordnung gewesen. Problematisch war es, wenn man nicht „lieferte“. Damit konnte er nicht umgehen. Er versuchte es dann über „lächerlich machen“.

 

„Du kommst die Stange nicht rauf? Sollen wir schieben? Lieber nicht, die Kraft bringen wir nicht auf“

 

Das ist zwar kein wörtliches Zitat, aber ich denke ihr versteht, was ich meine. Es wurde auf persönliche Mängel wie Gewicht, Brillen oder sonstiges „Nicht-Der-Norm-Entsprechen“ eingegangen.

 

Heute würde ich sein Verhalten als Mobbing beschreiben. Damals nicht. Damals dachte ich nicht darüber nach, wie sein Verhalten war. Ich hoffte nur, dass es nicht mich erwischt. Aber auch das tat es. Oft. Sehr oft. Und was tat meine Klasse? Sie schwieg. Wenn man Glück hatte. Wenn man Pech hatte, gab es Lacher. Ich habe viel aus dieser Zeit vergessen und verdrängt, aber wahrscheinlich habe auch ich mitgelacht, wenn es andere traf. Ich schäme mich heute dafür. Auch wenn ich heute weiß, dass es aus Angst geschah. Angst, selbst der Nächste zu sein. Dennoch: ich schwieg und ich lachte.

 

Ich befand mich innerhalb der Gruppe und war froh über den Schutz, den diese bot. Aber ich schwieg. Ich lachte.

 

Bis zu einem Tag. Dort war wieder ich an der Reihe. Keine Ahnung mehr, was ich tun sollte und warum ich das nicht konnte. Ich habe es schlicht und einfach vergessen. Aber eines habe ich nicht vergessen. Die Worte von Herrn H. Es ging vorher schon einige Zeit. Und dann kamen diese Worte:

 

„Bis zum Schuljahresende mach ich dich so fertig, dass du vor mir auf dem Boden kriechst!“

 

Diese Worte. Ich weiß bis heute, wie schwer diese mich getroffen haben. Und ich weiß bis heute, wie mein Blick über die Klassenkameraden ging und ich diese schweigen sah. Bis sie lachten. Sie lachten! Während mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie lachten.

 

Ich war fertig. Ich hab irgendwie die Stunde hinter mich gebracht, danach war Schulende. Ich ging nach Hause. Ich erzählte nichts. Mein Vater merkte wohl auch nichts, als er heim kam. Nach außen war ich ruhig. In mir drin aber brodelte es. Ich war am Boden. Ich weinte. Alleine, in meinem Zimmer. Hauptsache es merkt niemand. Ein Mann weint nicht, wisst ihr? Schwachsinn, natürlich. Aber was hilft es einem Fünfzehnjährigen, der so denkt. Stark sein, das zählte für mich. Und ich war stark. Man merkte mir nichts an. Ich redete nicht darüber. Es war etwas, womit ich selbst klarkommen musste.

 

Kam ich aber nicht. Ich konnte nicht dorthin zurück. Zurück zu der Person, die mich gedemütigt hatte. Zurück in diesen Sportunterricht.

 

Aber ich hatte erstmal eine Woche bis zur nächsten Sportstunde. Ich war in der Schule. Körperlich. Geistig wohl nicht. Hingehen, dasitzen, heimgehen. Hausaufgaben. Schlafen. Die Woche verging und der Sportunterricht rückte näher. Mir war klar, dass ich keine weitere Stunde durchstehe. Also reifte im Lauf der Woche mein Entschluss, Sport zu „schwänzen“. Ist eh die letzte Stunde. Fällt schon nicht so auf.

 

Gedacht, getan. Ich fehlte im Sportunterricht. Ich hatte nicht bedacht, dass ich am nächsten Tag von meiner Klassenleiterin angeredet werde, warum ich beim Sport gefehlt habe. Mist. Keine Ahnung, welche Ausrede ich mir einfallen ließ, aber es lief nicht gut. Ihr erzählen, was passiert war? Niemals.

 

Ein neuer Plan musste her. Zu Sport würde ich nicht gehen, das war mir klar. Ich wusste aber auch nicht, was ich meiner Klassenleiterin erzählen sollte. Was lag also näher, als auch ihren Unterricht zu schwänzen? Toller Plan, funktionierte auch am nächsten Tag. Am übernächsten Tag nichtmehr. Da hat sie mich gesehen, in der Pause vorher. Konnte also schlecht fehlen. Ich war also da. Die nächste Frage, wo ich am Tag vorher war.

 

Ich konnte einfach nicht. Ich konnte es ihr nicht sagen. Ich konnte aber auch nicht weiter so tun, als sei nichts geschehen und den Unterricht wieder besuchen.

 

Also kam der nächste Tag, an dem ich ihren Unterricht gehabt hätte. Ich ging in der Früh mit meinem Vater aus dem Haus bis zur U-Bahn, verabschiedete mich. Ich wartete, bis er um die Ecke war und ging wieder nach Hause. Genialer Plan! So muss ich nicht zu Sport, nicht zur Klassleiterin und laufe niemand von beiden über den Weg.

 

Mein Vater kam immer erst nach mir nach Hause, da die Schule früher fertig war. Also auch dort keine Gefahr. Die ersten Probleme waren also erledigt.

 

Die Probleme, mit denen ich mich tief in mir herumschlagen musste, waren es aber nicht. Ich war noch immer schwer getroffen. Ich kämpfte mit mir selbst, überlegte, wie ich aus all dem wieder herauskomme. Die Schule würde sich ja sicher melden und meine Eltern erfahren, dass ich nicht dort war. Was tun?

 

Hier komme ich an den Punkt, den niemand weiß. Bisher. Wirklich niemand. Und jetzt stelle ich es vielleicht ins Internet. Ich bin schon selten dämlich…

 

Was seht ihr als Ausweg? Bestimmt tausende. Ich heute auch. Heute. Damals nicht. Ich sah einen Ausweg: DEN Ausweg. Ende. Ich hätte meine Ruhe. Endgültig. Nie wieder derartiges erleben müssen. Nie wieder dieses Entsetzen spüren. Aber wie? Medikamente? Komm ich doch eh nicht dran. Pistole? Da komm ich ja noch eher an Pillen. Messer? Ich mich absichtlich schneiden? Nein, niemals. Ich hab damals wahrscheinlich alle Möglichkeiten durchgespielt, aber alle verworfen. Heute sage ich: zum Glück. Damals war ich darüber nicht so glücklich.

 

Das Problem war nämlich, dass ich jetzt keinen Ausweg mehr hatte. Ich ging weiterhin nicht zur Schule. In der Früh aus dem Haus. Verabschieden. Zurück. Jeden Tag die Angst, dass die Schule anrufen würde. Jeden Tag von neuem die Überlegung, ob es nicht doch einen „leichten“ Ausweg gäbe.

 

Tat sie nicht. Eine Woche verging. Kein Anruf. Kein Brief.

Zwei Wochen. Kein Anruf. Kein Brief.

Drei Wochen? Gleiches Spiel.

 

Trotzdem jeden Tag die Panik, dass etwas kommen könnte. Dass ich auffliege. Aber am schlimmsten: Dass ich zurück muss. Zurück in die Schule.

 

Ich verkroch mich. Ich merkte, wie stark das Internet ablenken kann. MMORPGs, tolle Sache. Man ist konzentriert, denkt nicht länger an das Damokles-Schwert über sich. Man lernt Leute kennen. Man kann sich unterhalten. Gut unterhalten!

 

Und ganz plötzlich: Über die Probleme reden, die einen plagen. Verständnis erfahren. Den Leuten, mit denen ich damals Kontakt hatte, virtuell, nie getroffen und dennoch so unglaublich freundlich, habe ich wahrscheinlich endgültig zu verdanken, dass ich heute lebe. Durch diese Gespräche habe ich die Gedanken verloren, einen Ausweg zu suchen. Ich dachte nichtmehr darüber nach. Ich wusste natürlich, dass es alles irgendwann auffliegt. Aber ich wusste, dass ich damit klarkommen würde. Wie? Danach online gehen, und mit meinen Freunden (ja, es waren Freunde) darüber reden. Das würde die Probleme nicht lösen, aber den Knoten in mir lockern.

 

Gut, es kam so wie es kommen musste: Eines Tages kam mein Vater zur Tür rein. Zu früh. In meinem Kopf ging schon das rattern los, welche Ausrede ich bringen würde. Irgendwie musste ich ja erklären, dass ich um die Zeit schon zuhause bin. So weit kam ich aber nicht. Er hatte das Handy am Ohr. Meine Mutter am anderen Ende. Beide hatten einen Brief erhalten, meine Mutter hatte ihn zuerst gesehen und sofort angerufen.

 

Der Inhalt: Ihr Sohn war seit mehreren Wochen nicht in der Schule. Sie haben 1 Woche, uns dafür einen plausiblen Grund zu liefern, sonst fliegt er raus.

 

Ich gebe zu, das „rausfliegen“ kam mir in dem Moment garnicht so schlimm vor. Wäre doch der Ausweg gewesen, den ich ständig gesucht habe. Wahrscheinlich unnötig zu erwähnen, dass sich meine Eltern darüber weniger gefreut haben, oder?

 

Es folgte ein langes Gespräch mit meinem Vater. Ich habe ihm in diesem Gespräch das erste Mal gesagt, was passiert war. Natürlich mehr oder weniger sachlich. Ich weine ja nicht. Bin ja ein Kerl. Ich habe aber trotzdem versucht, ihm zu erklären, dass ich nicht weiter in die Schule gehen würde. Sah er anders. Aber ok.

 

Am nächsten Tag war mein Vater in der Schule. Beim Direktor. Erzählte ihm, was passiert war. Erzählte ihm von dem Satz meines Lehrers. Von dessen Verhalten davor.

 

Seitdem weiß ich: Lehrer halten zusammen.

 

Als mein Vater wieder zuhause war, erfuhr ich, dass ich am nächsten Tag wieder dort erscheinen solle. Das kam nicht in Frage für mich. Auf keinen Fall. Also telefonierten meine Eltern mit dem Schulamt. Die Schule konnte mich nicht rauswerfen, schließlich hatten sie trotz wochenlangen Fehlens eines minderjährigen Schülers die Eltern nicht sofort informiert. Nicht die Antwort, die ich erhofft hatte.

 

Meine Eltern merkten aber irgendwann, dass ich nicht weiter zur Schule gehen würde. Keine Diskussion. Also war der nächste Schritt: Jugendamt. Meine Eltern fragten an, was sie tun könnten, sollten oder müssten.

 

Ich hatte übrigens währenddessen Internetverbot. Aber das ist nichts, was mich aufhalten würde. Passwörter. Pah. Lächerlich :) Ich konnte also weiter mit meinen Freunden reden. Ich konnte mir dort weiter Halt holen. Es ging mir nicht gut, aber ich konnte das durchstehen.

 

Achja, das Jugendamt. Die hatten die genialste Idee, die ich jemals gehört habe. Psychiatrie. Ich. Ihr könnt euch meine Begeisterung vorstellen? Aber: alles besser als Schule.

 

So kam ich in die Klapse. 8 Wochen lang. Heckscher Klinik. Jugendpsychiatrie. 8 Wochen lang, ein paar Gespräche mit dem Psychiater, vormittags Arbeitstherapie in der dortigen Gärtnerei, nachmittags mit den anderen Jugendlichen reden, langweilen. Rauchen. Ich hab aus den 8 Wochen genau eine Sache mitgenommen. Meine Zigaretten. Vorher Nichtraucher, jetzt Raucher. Hat sich gelohnt.

 

Das Schuljahr war damals zu Ende, ich kam aus der Psychiatrie nach Hause. Im nächsten Schuljahr sollte ich die Schule wechseln. Weg von dem Lehrer, weg von der Klasse. Runter vom Gymnasium, auf eine Realschule. Die zehnte Klasse wiederholen. Also nur noch 1 Jahr statt 4. Hat sich gut angehört.

 

War aber nicht so gut. Das Erlebnis hatte sich eingebrannt. Die Schule ging los, ich war den ersten Tag dort. Ich fühlte mich unwohl. Absolut nicht gut. Die Klasse war nett, die Lehrer auch. Aber ich war in der Schule. Irgendwas stimmte nicht.

 

Am zweiten Tag war ich unterwegs in Richtung Schule und das schlechte Gefühl kam wieder. Magenschmerzen. Ich dachte ich wäre krank, rief meinen Vater an er solle mich entschuldigen und stieg in den nächsten Bus Richtung Heimat. Die Magenschmerzen wurden besser. Jede Station, die ich mich von der Schule entfernte, sorgte dafür, dass ich mich besser fühlte.

 

Zuhause dann fühlte ich mich gut. Nicht krank. Sicher. Hier konnte mir nichts passieren. Komische Sache das Ganze. Vor Allem, als es am nächsten Tag genauso lief. Heute, jetzt kann ich das reflektieren, weiß ich, dass ich inzwischen Angst vor Schule hatte. Ganz allgemein. In der Schule lauerte Gefahr. Dort war ich verletzbar.

 

Die neue Schule war schneller. Nachdem ich dann 2 Tage unentschuldigt fehlte, erfuhren meine Eltern wieder davon. Wieder ein langes Gespräch. Wieder Jugendamt. Diesmal keine Psychiatrie. Ich glaube, die haben gemerkt, dass das nichts geholfen hat.

 

Das Jugendamt hatte schnell eine neue Idee: Betreute Wohngemeinschaften. Naja, klang besser als Psychiatrie, also warum nicht? Ich wollte in München bleiben, dort hatte ich noch ein paar Freunde (außerhalb der Schule). Verschlagen hat es mich aber dann nach Weilheim. Ich habe mir erst eine WG in München angesehen, in die man mich nur gefesselt bekommen hätte. Die WG in Weilheim – vom SOS-Kinderdorf – war aber anders.

 

Alleine der erste Eindruck und das erste Gespräch. Der WG-Leiter hat mich zwischendurch beiseite genommen. Er wusste, dass ich nicht glücklich war über die Idee, in eine solche WG zu ziehen. Noch dazu nicht in München. Er bot mir an, ein Wochenende „zur Probe“ dort zu wohnen. Würde es mir nicht gefallen, würden sie mich nicht aufnehmen. Unabhängig von Jugendamt und meinen Eltern. Die Entscheidung läge bei mir. Das hat mich wirklich beeindruckt. Es war nur eine Kleinigkeit. Aber ich habe zugesagt. Ich war über das Wochenende da. Die Leute waren klasse. Sowohl die anderen Jugendlichen, als auch die Betreuer.

 

Als das Wochenende vorbei war, war meine Entscheidung gefallen. Ich würde dort einziehen. In die Schule gehn? Das sehn wir dann.

 

Es ging alles recht schnell. Plötzlich wohnte ich in Weilheim.

 

Aber auch dort kam der Ernst des Lebens schnell auf mich zu. Ich sollte mich an der dortigen Realschule anmelden. Allein dieser Weg fiel mir schon schwer, obwohl ich ja nur ein blödes Formular ausfüllen sollte. Noch nichtmal in den Unterricht gehen. Es ging aber. Angemeldet für den Rest der neunten Klasse. Die hatte ich ja schonmal bestanden, stand also nicht unter Stress bei Noten. Der Stress, überhaupt hinzugehen, reichte mir ja schon.

 

Ich werde jetzt nicht die ganze Geschichte aus Weilheim erzählen, das würde allein 10 Blogposts füllen, aber ich habe in Weilheim meinen Realschulabschluss gemacht. Es war viel Unterstützung durch die Betreuer, einen Psychologen und die großartigen Lehrer dieser Schule nötig. Außerdem doch einige Zeit, bis ich regelmäßig im Unterricht war. Aber ich habe es geschafft.

 

Dafür bin ich SOS bis heute dankbar. Ohne die 2 Jahre, die ich in der WG verbracht habe, keine Ahnung, wo ich heute stehen würde. Inzwischen habe ich eine Ausbildung (inkl. Berufsschule!) und mein Fachabitur (Schule!) fertig und studiere Informatik. An so etwas habe ich lange Zeit nicht geglaubt.

 

Ich war weiterhin ungern in der Schule. Ich fühle mich an Schulen weiterhin unwohl. Ich habe auch dort vereinzelt gefehlt, wenn es mal garnicht ging. Aber letztendlich habe ich es durchgezogen. Und damit so einige Leute überrascht, inklusive mir.

 

Im Nachhinein hat mich diese Geschichte geprägt. Ich bin stärker geworden. Bei einem anderen Fall von Mobbing in der Schule – bei einer anderen Person – bin ich aufgestanden und habe mich gegen eine Lehrerin aufgelehnt. Eigenlob stinkt, aber ich bin stolz auf mich. Wegen solchen Dingen. Ich will nie wieder in der schweigenden Gruppe sein. In der lachenden Gruppe. Ich weiß heute, welche Verletzungen so etwas reissen kann.

 

Ja, alles was passiert ist, hat mich auch geschwächt. Wie gesagt, ich habe Probleme in Schulen. Ich habe auch Probleme in großen Gruppen. Mir fällt es schwer, vor solchen Gruppen zu stehen, zu reden und mich der „Gefahr“ auszusetzen, von der Gruppe verletzt zu werden.

 

Aber es hat mich soweit gestärkt, dass ich – wenn nötig – mich bewusst in solche Situationen begeben kann. Ich fühle mich nicht wohl, aber ich stehe das dann durch.

 

Zurück zum Anlass

Aber jetzt will ich zurückkehren zu dem Telefonat, welches mich heute so stark getroffen hat. Welches der Anlass zu diesem Post ist.

 

Genau genommen ist das Telefonat nicht so wichtig. Nur ein Satz daraus. Von meiner Mutter.

 

„Ich glaube, dass du damals wegen einer Internetsucht nicht zur Schule gegangen bist, du kannst doch nicht die ganze Schuld auf Herrn H schieben.“

 

Vielleicht seht ihr nach meiner langen Erklärung, warum mich das getroffen hat. Es stellt nicht nur das in Frage, was mein bisher größtes Leid ausgelöst hat, es verteidigt nicht nur die Person, die dafür verantwortlich ist, es schiebt die Schuld dafür sogar noch darauf, was mir in dieser Zeit am meisten geholfen hat. Mehr als meine Eltern. Mehr als meine Mutter…

 

Das Internet, beziehungsweise die Leute, die mich damals aus dem größten Tief gezogen haben. Denen ich – vielleicht – mein Leben verdanke.

 

Aus diesem Grund sitze ich jetzt hier. Weinend. Als Mann. Und fühle mich trotzdem stark.

 

Update

Sascha Lobo hat das Thema in seiner Spiegel-Kolumne aufgegriffen. Der Artikel ist sehr lesenswert: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-das-internet-ist-nicht-schuld-a-853752.html

 

Update 2

Twister hat es auch noch bei Telepolis aufgegriffen in dem Artikel Last night a chatroom saved my life Auch den Artikel solltet ihr lesen!

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